Fritzlar · um 1180
Dom zu Fritzlar
Spätromanische Basilika mit Lichtgaden, also einer Fensterzone über den Seitenschiffen. Vorbild für unseren Grundriss.
Wikipedia →Denkmal · Treysa · seit 1265
St. Martin
Schwalmstadt · Kirchspiel Treysa
○ Totenkirche Treysa
Inhalt
Abschnitte
Tafeln & Anhang
Tafel I · Grundriss steht in Abschnitt V.
Vorrede
Die Totenkirche im Schwalmstädter Stadtteil Treysa ist älter, als ihr Name vermuten lässt. Sie heißt eigentlich St. Martin, wurde im ausgehenden 12. Jahrhundert begonnen, um 1265 vollendet, und steht damit am Übergang von der Romanik zur Gotik. Sie ist die letzte mehrschiffige Basilika Nordhessens, eine Kirchenruine seit den 1830er Jahren, ein Wahrzeichen Treysas. Und sie verdankt ihre Berühmtheit einer Legende, die, wie sich beim Aufräumen alter Rechnungen zeigte, gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt war.
Sektion I · Ursprung
Begonnen als spätromanische Pfeilerbasilika mit zwei Türmen, ab etwa 1250 unter dem Einfluss der Marburger Elisabethkirche mit nur einem Turm weitergebaut und um 1265 fertiggestellt. Damit ist sie die letzte mehrschiffige Basilika in Nordhessen. In Marburg, Wetter und Haina entstanden zeitgleich bereits Hallenkirchen.
Patron der Kirche war ursprünglich St. Martin von Tours. Bis ins 16. Jahrhundert hinein war sie die Stadtpfarrkirche von Treysa und Mittelpunkt eines kirchengerichtlichen „Send"-Bezirks von über dreißig Ortschaften, unterstellt dem Dekanat Amöneburg, dem Archidiakonat St. Stephan zu Mainz und damit dem Erzbistum Mainz.
Die Totenkirche dokumentiert im nordhessischen Kirchenbau den Übergang von der Romanik zur Gotik. Gegenüber den feingliedrigen Maßwerken des Kirchenschiffes erscheinen ihre Formen noch sehr einfach, urtümlich, ähnlich wie die Stiftskirche in Wetter.
Sektion II · Niedergang
Mit der Einführung der Reformation in Hessen änderte sich alles. 1531 genehmigte Landgraf Philipp eine Bitte der Treysaer Bürgerschaft, die durch Auflösung des hiesigen Dominikanerklosters freigewordene Klosterkirche zur Hl. Maria, die heutige Stadtkirche, als Pfarrkirche zu nutzen. Die alte St.-Martin-Kirche diente fortan nur noch den Beerdigungsgottesdiensten. Aus dem Volksmund entstand der Name, der ihr blieb: Totenkirche.
Sie verfiel zusehends. 1830 wurde ihr Dach angeblich durch Blitzschlag schwer beschädigt. So entstand die Legende. Tatsächlich waren die Gewölbe wohl von Anfang an zu schwer, davon zeugen mehrfache Reparaturen schon nach kurzer Nutzungsdauer. Aus Sicherheitsgründen wurde der Abbruch geplant. 1832 und 1833 protestierten Magistrat und Unterrat der Stadt. Vergeblich: Um 1835 wurde die Kirche dem Verfall preisgegeben, die Gewölbe schließlich eingerissen.
Erste Rettungsversuche im frühen 20. Jahrhundert verschlimmerten den Schaden eher. 1909 verwendete man Betonabdeckungen und Zement-Spritzmörtel. Beides vertrug sich nicht mit dem mittelalterlichen Mauerwerk aus rotem Sandstein. Aus Reparatur wurde Beschädigung. Eine Kirche, die nicht sterben durfte, wurde fast kaputtsaniert.
Sektion III · Legende
Berühmt geworden ist die Kirche durch ihren ungefähr 35 Meter hohen Glockenturm: den Buttermilchturm. Die Überlieferung erzählt, dass die eingeschlossenen Bürger Treysas während einer Belagerung den Turm mit Buttermilch bestrichen haben sollen, um den Belagerern vorzutäuschen, die Stadt habe noch Milch im Überfluss. Die Belagerer, so die Legende, zogen daraufhin unverrichteter Dinge ab.
Heute trägt der Turm keinen weißen Anstrich mehr; nach der Bestandssicherung blieb das nackte Mauerwerk.
Sektion IV · Sanierung
Bürger Treysas gründen den Förderkreis Totenkirche e.V., um den Erhalt und die Bestandssicherung der Ruine zu sichern. Mehrere Fenster des Chorraums werden über den Förderkreis direkt finanziert, darunter das größte und schönste, das Ziegenhainer Fenster.
Mit dem letzten Bauabschnitt 2005 wird die Sanierung des Buttermilchturms abgeschlossen, und damit bis auf Restarbeiten die gesamte Sanierung. Insgesamt fließen über 200.000 € vom Förderkreis in eine Gesamtsumme von rund 2,1 Mio. €.
Pfingstsonntag 2006: ein evangelischer Gottesdienst mit Abendmahl, in dem der ursprüngliche Name ausdrücklich zurückgegeben wird. Aus „Totenkirche" wird offiziell wieder „St. Martin". Im Alltag bleibt der ältere Name.
Nach Abschluss aller Aktivitäten löst sich der Förderkreis offiziell auf. Das Vereinsvermögen geht an die evangelische Kirchengemeinde Franz-von-Roques, in deren Obhut die Ruine seither weiter erhalten wird.
Die evangelische Kirchengemeinde feiert das 750-jährige Bestehen der Kirche.
Sektion V · Architektur
Mittelschiff, zwei Seitenschiffe, Chor mit Fünfachtelschluss, südlicher Turm. Bei der Basilika überragt das Mittelschiff die Seitenschiffe und besitzt eine Fensterzone darüber: den Lichtgaden. Vergleichbar ist der Dom zu Fritzlar.
Besonders fein ausgearbeitete Kapitelle finden sich im südlichen Seitenschiff. Sie zeigen Verwandtschaft zur Maulbronner Bauschule.
Hier liegt das Beinhaus, darüber eine Sakristei mit Netzgewölbe von 1521, darüber wiederum ein gewölbtes Geschoss, das als Schatzkammer diente. Hier finden sich die ältesten nördlich der Donau nachgewiesenen gebrannten Ziegelsteine.
Im Chorraum sind noch Reste der originalen Bemalung erhalten. Stilles Zeugnis dafür, wie diese Kirche einmal ausgesehen haben muss.
Sektion VI · Verwandtschaft
Die Totenkirche steht nicht für sich. Mehrere Bauten in Hessen und am Oberrhein erklären, wo sie stilistisch hingehört, was sie zitiert, und was sie nicht mehr werden konnte.
Fritzlar · um 1180
Spätromanische Basilika mit Lichtgaden, also einer Fensterzone über den Seitenschiffen. Vorbild für unseren Grundriss.
Wikipedia →Marburg · ab 1235
Eine der ersten reinen Hallenkirchen in Deutschland. Ab etwa 1250 wirkt ihr gotischer Einfluss auf die Treysaer Bauhütte, die Pläne werden geändert: nur noch ein Turm statt zwei.
Wikipedia →Wetter · 13. Jh.
Trägt die gleichen urtümlich-frühgotischen Formen wie unsere Maßwerke. Ein Geschwisterbau, in dem das nordhessische Übergangsvokabular sichtbar bleibt.
Wikipedia →Maulbronn · ab 1147
Zisterzienserkloster mit eigener Bauschule. Die fein gearbeiteten Kapitelle im südlichen Seitenschiff der Totenkirche zeigen Verwandtschaft zu Maulbronner Kapitellformen.
Wikipedia →Sektion VII · Glocken
Im Turm hängen drei Glocken aus dem beginnenden 15. Jahrhundert. Sie bilden bis heute das Geläut der evangelischen Kirchengemeinde Treysa. Die mittlere, die Betglocke, trägt eine umlaufende Inschrift:
Do veniam menti,
do laudem cunctipotenti,
defunctos plango,
vivos voco,
fulgura frango.
Sektion VIII · Inschriften
In der Kirche und an ihrer Mauer stehen einige Grabplatten und Wappensteine, die aus den Jahrhunderten als Begräbniskirche stammen. Drei sind besonders sprechend.
Anno
Christus ist mein Leben,
Sterben mein Gewinn.
(Philipper 1)
Eine Grabplatte für eine Anna, datiert „9. Juni 1678". In der Mitte das Christogramm Chi-Rho, darüber die Taube des Heiligen Geistes, eingerahmt von zwei Säulen. Die zentrale Inschrift ist ein verkürzter Vers aus dem Philipperbrief: einer der meistverwendeten Bestattungssprüche der lutherischen Frömmigkeit des 17. Jahrhunderts.
MDCCLXXXIII ·
Gestiftet und aufgesetzet
weil Anna Margaretha gebohrne …
des hier unter ruhenden Herrn
Rittmeisters nachgelassene Fraw Wittibe
gewesen … den [.] Jan. MDCCLXXXIII.
Eine Witwe stiftet die Grabplatte für ihren verstorbenen Mann, einen Rittmeister. „Wittibe" ist die alte Form für Witwe, der Geburtsname Anna Margarethas ist verwittert. Das Datum trägt römische Ziffern: MDCCLXXXIII, also 1783 — gut zweihundertfünfzig Jahre, nachdem die Kirche zur Begräbniskirche geworden war.
Heraldische Zeugen
Zwei stehende Sandsteinplatten an der Mauer. Beide tragen keine lesbare Inschrift mehr, nur noch ihre Wappen: links eine reiche Helmzier mit Schild und Voluten, rechts ein Schild mit ornamentalem Beiwerk. Die Verstorbenen sind anonym geworden. Geblieben ist die Form, in der eine ganze Schicht ihren Anspruch auf Erinnerung darstellte.
Das erste Töchtergen Maria Catharina,
geboren den … 1751,
gestorben den 26. August 1758,
dessen gantzes Alter war
4 Jahr, 7 Monat, 3 Wochen und 6 Tage.
Eine Sammel-Gedenkplatte in floral gerahmtem Sandstein, eingelassen in das Mauerwerk der Ruine. Mehrere ovale Schriftfelder tragen Angaben zu den früh verstorbenen Kindern einer Familie. Das mittlere nennt Maria Catharina, das „erste Töchtergen", und misst ihr Leben in den Einheiten, die im 18. Jahrhundert dafür gebräuchlich waren: Jahr, Monat, Wochen, Tage. Das ist nicht Pedanterie. Es ist die genaueste Form der Würdigung, die einer Familie zur Verfügung stand, deren Tochter vier Jahre und ein paar Wochen mit ihnen lebte.
Die Schreibweise ist frühneuhochdeutsch („Töchtergen", „gantzes Alter"), die Memorialkultur protestantisch-pietistisch. Die Platte stammt vermutlich aus dem Kircheninneren oder einer Familiengrablege und wurde später bei Sicherungsarbeiten in die Mauer der Ruine integriert.
Sektion IX · Heute
Seit Abschluss der Restauration steht die Kirche wieder offen. Und füllt sich wieder. Zwei Mal im Jahr findet hier Kirchspielgottesdienst statt, an Himmelfahrt und Heiligabend. Daneben das jährliche Weindorf, das Johannisfest, Konzerte, Theaterabende, Open-Air-Musicals. Bis 2014 wurde der Probtanz zum Auftakt der Treysaer Hutzelkirmes in den Mauern der Ruine getanzt.
Vor dem Westportal steht heute eine Märchenstatue von Elisabeth Wade. Sie passt: zu einer Kirche, die zwei Mal beinahe verschwunden wäre, einmal abgerissen wurde, falsch saniert wurde, von Bürgern gerettet wurde, und deren bekannteste Geschichte sich am Ende doch als wahr herausstellte.
Tafel II · Chronik
Als spätromanische Pfeilerbasilika mit zwei Türmen begonnen.
Unter dem Einfluss der Elisabethkirche wird mit nur einem Turm weitergebaut.
Letzte mehrschiffige Basilika in Nordhessen. Geweiht St. Martin.
Anbau der Sakristei mit Netzgewölbe und der ältesten gebrannten Ziegelsteine nördlich der Donau.
Landgraf Philipp genehmigt den Wechsel zur Klosterkirche. St. Martin wird zur „Totenkirche" der Beerdigungen.
Das Dach wird angeblich durch Blitzschlag schwer beschädigt.
Magistrat und Unterrat der Stadt protestieren gegen den geplanten Abbruch.
Die Kirche wird dem Verfall preisgegeben, die Gewölbe eingerissen.
Beton und Zement-Spritzmörtel verschlimmern den Bauzustand.
Gründung des Förderkreises Totenkirche e.V. zur Erhaltung der Ruine.
Letzter Bauabschnitt der Sanierung. Insgesamt ca. 2,1 Mio. €.
Pfingstsonntag: aus „Totenkirche" wird offiziell wieder „St. Martin".
Der Förderkreis löst sich auf, das Vermögen geht an die Kirchengemeinde Franz-von-Roques.
Festgottesdienst zum siebenhundertfünfzigjährigen Bestehen.
Tafel III · Glossar
Begriffe, die im Text auftauchen, kurz erklärt.
Tafel IV · Anreise
Tafel V · Quellen
Literatur
Web
Bildquellen
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Bildteil · 45 Aufnahmen
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